Mittwoch, 26 Januar 2022 10:26

Arno Geiger liest „Unter der Drachenwand“

„Literatur live“ hat nach der Lesung des jungen Autors Tonio Schachinger am 7.10.2021 erneut einen großen Wurf gelandet: Der österreichische Autor Arno Geiger las am 1. Dezember 2021 vormittags vor der Abiturientia 2022 aus seinem preisgekrönten Roman von 2018 „Unter der Drachenwand“, jetzt erschien ein Bericht dazu im Bad Iburger Stadtgespräch.

Zum Auftakt stimmte Amelie Mühlmeyer auf dem Klavier das gespannte Publikum auf die Lesung ein.
In seinem berührenden Roman über den verletzten Soldaten Veit Kolbe, der als Ich-Erzähler seine inneren und äußeren Verletzungen im österreichischen Mondsee unterhalb der Drachenwand auskuriert, beschreibt Arno Geiger die beklemmende Situation der Menschen 1944-45 während des Krieges im Spannungsfeld von Mangelerfahrung, Kriegsleid und Denunziation. Das Trauma der Protagonisten und seine wachsende Abscheu vor dem Krieg – wie Thordis Hummel und Max Pieper in ihrer treffenden Moderation thematisierten – eröffnen einen Blick auf das Innenleben Kolbes, dem man sich schwer entziehen könne. Im zweiten Leseteil kam Oskar Meyer, ein Wiener Jude, als einer von drei Briefschreibern und weiteren Ich-Erzählern zu Wort und ließ die Judenverfolgung an seinem Beispiel begreiflich werden.
Arno Geiger verstand es, in seinem schlichten und sehr authentischen Vortrag die Pein des verfolgten Oskar lebendig werden zu lassen, so dass das Publikum in schier atemloser Stille zuhörte. Im Gespräch gestand Geiger, dass ihn diese verschiedenen Ich-Erzähler mit ihren individuellen Schicksalen und Nöten beim Schreiben nicht kalt gelassen hätten und er immer wieder habe unterbrechen müssen, um sich zu fassen und weitermachen zu können, was sehr ehrlich wirkte. Insgesamt zehn Jahre habe die Recherche in Kästen voller Kriegsbriefe – zwischen zehn- und fünfzehntausend Stück – gedauert, bis er den Roman von annähernd 500 Seiten in vier Monaten 2018 zu Papier gebracht habe.
Im letzten Leseteil wurde die Liebesbeziehung zu Margot, Kolbes Zimmernachbarin, beschrieben, zu der Frau, die neben dem Brasilianer, wie Max sehr richtig bemerkte, zur „Rettung“ des Protagonisten und zu seiner inneren Heilung beigetragen habe. Zum Abschluss der Lesung kamen noch einige Schüler/innen mit Fragen zu Wort, unter anderem die Frage nach der Bedeutung der Namen, z.B. Veit. Geiger bemerkte, dass Veit als der „Lebendige“ bewusst diesen Namen erhalten habe; er zeigte sich aber überrascht über die Vermutung der Schülerin, dass das englische Verb „fight“ ein Grund gewesen sein könnte. Viele der Abiturient/inn/en ließen es sich nicht nehmen, im Anschluss ihre persönliche Ausgabe des Romans vom Autor signieren zu lassen.
Herr Geiger lobte die atmosphärisch gestaltete Bühne, die Emma Striemer, Juliane Polch, Finja Schröder und Fiona Krupp dekoriert hatten, und die freundliche und zuvorkommende Aufnahme in unserem Gymnasium, das ihm in Erinnerung bleiben werde. Auch das Technikteam Maris Bollmann, Georg Höfelmann, Felix Pieper und Herr Cartarius sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Alle haben zu dieser unvergesslichen und sehr lehrreichen Lesung beigetragen. (M.Werner)